Allgemeine Informationen

Im Folgenden finden Sie allgemeine Informationen zu Verhaltensmedizin mit den verschiedenen Beteiligten, Ansatzpunkten und Ablauf einer Verhaltenstherapie, Früherkennung von Verhaltensauffälligkeiten, Prophylaxe sowie artgerechter Beschäftigung und Haltung.

Was ist Verhaltensmedizin?

Ein Überblick

Das Fachgebiet der tierärztlichen Verhaltensmedizin befasst sich mit der Diagnose, Behandlung und Prävention von Verhaltensproblemen und Verhaltensstörungen bei Tieren. Derartige Auffälligkeiten stehen häufig mit starken negativen Emotionen im Zusammenhang wie Angst, Furcht oder Frustration.

Parallel besteht ein unter Umständen starker, akuter und/oder chronischer Stress. Verhalten kann aus einer hohen Erregungslage heraus sehr intensiv gezeigt werden oder das Tier zeigt eine starke Hemmung des Verhaltens. Das Wohlbefinden des Tieres ist dadurch beeinträchtigt, aber auch für die Tierhaltenden ist das oft eine starke Belastung. In der Verhaltensmedizin werden die Bereiche Verhalten des Tieres und seine Charaktermerkmale, seine physische und mentale Gesundheit, seine Haltungsumwelt und Interaktionen mit Menschen und anderen Tieren mit einbezogen, um die Lebensqualität des Patienten und seiner Halterinnen zu verbessern und die individuell beste Therapie zu finden.

Verhaltensmedizin ist Teamwork!

Dabei beteiligt sind im Regelfall:

  • Tierhaltende und das Tier
  • Verhaltensmedizinerin
  • Haustierärztin
  • Tiertrainerin

Verhaltensmedizinische Therapie

Ablauf und Elemente einer verhaltensmedizinischen Therapie

Die Erstellung der Diagnose ähnelt einem Puzzle. Noch vor dem Erstgespräch werden Puzzleteile mit vorab zugesandten Fragebögen und, wenn bereits vorhanden, Befunden zu gesundheitlichen Aspekten gesammelt.

Videos und Fotos, in denen sowohl das Problemverhalten (das dafür aber keinesfalls gezielt provoziert werden soll!) als auch Alltagssituationen und die Umwelt des Tieres zu sehen sind, sind sehr hilfreich, um ein vollständiges Bild der Situation zu bekommen. Im Erstgespräch werden dann die Details des Problems besprochen und weitere Puzzleteile gesammelt. Das Bild wird immer deutlicher und eine erste Diagnose wird gestellt, gegebenenfalls sind auch noch weitere Untersuchungen z.B. im Hinblick auf die physische Gesundheit nötig. Im Laufe der ersten Therapiemaßnahmen kommen häufig noch weitere Puzzleteile dazu. Dadurch wird eine gezielte und individuelle Therapie ermöglicht, die an verschiedenen Bereichen ansetzt.

Das Ziel der Therapie ist die Lebensqualität von Tier und Mensch zu verbessern. Eine wichtige Grundlage ist dabei die Behandlung physischer Erkrankungen, wie z.B. gastrointestinale Probleme, hormonelle Störungen und die Reduktion von Schmerzen. Stressmanagement mit vorübergehender Vermeidung von Stressoren sowie eine bedürfnisgerechte Haltung und positive soziale Interaktionen stärken das Wohlbefinden und die mentale Anpassungsfähigkeit des Tieres. Die mentale Anpassungsfähigkeit kann zusätzlich durch Futterergänzungen und Psychopharmaka verbessert werden. Insbesondere wenn gewisse Stressoren unvermeidbar sind, z.B. verschiedene furchtauslösende Reize wie Verkehr, Menschen oder Artgenossen, helfen Psychopharmaka die Schwelle für Stress zu erhöhen. Man kann sie als eine Art Schutzschild sehen, das Angst verringert, die Stimmung verbessert und das Tier resilienter macht. Das Tier kann unvermeidbare Stressoren dann besser tolerieren und erholt sich schneller; was auch den Erfolg zusätzlicher trainerischer Maßnahmen erhöht.

Ein gestärktes Wohlbefinden ist die Basis für nachhaltige Verhaltensänderungen. Nur dann kann durch gezieltes Training erwünschtes Verhalten geformt und nachhaltig gefestigt werden. Training durch positive Bestärkung ist ein wesentlicher Bestandteil der verhaltensmedizinischen Therapie. Statt Strafen oder Korrekturen zu verwenden, wird das Verhalten des Tieres durch Belohnung verändert. Dies stärkt das Vertrauen zwischen Tier und Halterin und sorgt für eine positive Lernumgebung, in der sich das Tier sicher fühlen kann. Sich in seiner Umgebung sicher zu fühlen ist ein wesentlicher Aspekt für eine erfolgreiche Therapie! Positive Bestärkung trägt nicht nur zur Verbesserung des Verhaltens bei, sondern fördert auch das emotionale Gleichgewicht und die soziale Bindung, wodurch Angst, Furcht, Frustration und Stress reduziert werden. Ein Tier, das durch positive Verstärkung trainiert wird, ist motivierter eine enge Beziehung zu seinen Menschen aufzubauen und den Menschen als relevanten und Sicherheit vermittelnden Partner zu sehen.

Bedeutung der Früherkennung von Verhaltensproblemen

Warum ist die Früherkennung so wichtig?

Die Früherkennung von Verhaltensauffälligkeiten bei Tieren ist ein essenzieller Bestandteil der tiermedizinischen Verhaltensmedizin. Sie ermöglicht es, frühzeitig auf mögliche Verhaltensprobleme zu reagieren und so das Wohlbefinden des Tieres sowie die Beziehung zwischen Tier und Tierhaltenden zu verbessern.

Verhaltensprobleme können die Lebensqualität eines Tieres erheblich beeinträchtigen und in einigen Fällen auch zu gesundheitlichen oder sicherheitsrelevanten Problemen führen. Eine frühzeitige Erkennung kann helfen, schwerwiegende Störungen zu verhindern oder zumindest in einem frühzeitigen Stadium zu behandeln, was die Wahrscheinlichkeit auf eine erfolgreiche Therapie deutlich steigert.

Bedeutung der Früherkennung

Verhaltensprobleme bei Tieren manifestieren sich auf unterschiedliche Arten. Da sie oft nicht sofort auf den ersten Blick erkennbar sind, ist es wichtig, dass Tierhaltende und Tierärztinnen die subtilen Anzeichen von Stress, Angst oder Unwohlsein frühzeitig bemerken.
Ein typisches Beispiel hierfür ist beispielsweise die Entwicklung von Geräuschangst:
Wird die Unsicherheit eines Welpen gegenüber einem Silvesterfeuerwerk oder Stadtfestmusik nicht erkannt oder beachtet, kann die beginnende Angst mit jedem weiteren Feuerwerk, Blasmusikauftritt oder Losbudentrubel und den damit einhergehenden negativen Erfahrungen verstärkt werden und die anfängliche leichte Ängstlichkeit des Hundes steigert sich bis hin zur Panik. Das gilt natürlich ebenso für Katzen, Kaninchen, Pferde und andere Tierarten. Mit einer gezielten Erkennung und Therapie der Geräuschangst in einem möglichst frühen Stadium können Probleme frühzeitig verhindert werden.
Ein weiteres Beispiel können Beißvorfälle sein. Denn Hunde, die nach nur kurzer Warnung oder ohne Vorwarnung zubeißen, haben häufig einen langen Leidensweg hinter sich, bei dem dezente Signale von Unwohlsein nicht erkannt wurden oder nicht entsprechend darauf reagiert wurde. Lernen sie, dass solche leichten Äußerungen von Unwohlsein oder dezente Warnungen nicht dazu führen, dass ihre Situation sich verbessert, beginnt eine Eskalationskaskade während der der Hund lernt, auf für ihn unangenehme Situationen mit deutlicheren Anzeichen von Abwehrverhalten wie Ausweichen, Knurren oder auch Schnappen zu reagieren, was sich dann zu ernsthaften Angriffe und Beißvorfälle entwickeln kann. Werden dagegen erste Anzeichen von Unwohlsein frühzeitig erkannt, bevor diese Kaskade beginnt, ist es deutlich einfacher für den Hund, alternative Wege zum Umgang mit solchen Situationen zu erlernen und das Problemverhalten entsteht gar nicht erst.
Auch durch körperliche Ursachen und Schmerzen verursachte Verhaltensprobleme können umso besser behandelt werden, je früher die ersten Anzeichen dafür bemerkt werden.

BITTE UNBEDINGT BILDER EINBAUEN

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Warnzeichen bei Verhaltensproblemen

Welche Frühwarnzeichen gibt es bei Verhaltensproblemen?

Tiere zeigen oft subtile Anzeichen, die auf ein beginnendes Verhaltensproblem hinweisen können. Zu den häufigsten Frühwarnzeichen gehören:

  • Veränderungen im Fressverhalten: Plötzliches Ablehnen von Futter oder übermäßiges Fressen kann ein Hinweis auf gesundheitliche oder psychische Probleme sein.
  • Aggressives Verhalten: Plötzliches Auftreten aggressiven Verhaltens (hierzu gehören auch subtile Drohungen), sei es gegenüber Menschen, anderen Tieren oder Objekten, kann auf Stress oder Unwohlsein hinweisen.
  • Veränderte Körperhaltung: Tiere, die sich plötzlich verstecken, nervös wirken oder eine vermehrt angespannte Körperhaltung und/oder Mimik zeigen, können unter Ängsten oder Schmerzen leiden.
  • Zerstörerisches Verhalten: Übermäßiges Kauen, Kratzen oder Zerstören von Möbeln und Gegenständen kann ein Indiz für Stress oder andere psychisch und/oder körperliche Probleme sein.
  • Unruhe und Hyperaktivität: Tiere, die plötzlich unruhig werden oder übermäßig aktiv sind, können unter psychischen oder physischen Belastungen leiden.

Diese Auswahl an Anzeichen stellt keine vollständige Liste dar, sondern soll nur eine Vorstellung für einige häufiger auftretende Auffälligkeiten vermitteln.

Prophylaxe

Wie können Verhaltensprobleme verhindert werden?

Verhaltensprobleme entstehen aus einem Zusammenspiel verschiedenster Faktoren. Dabei spielen Krankheiten, Genetik, Defizite in der Aufzuchtphase des Tieres, oder Verständigungsprobleme zwischen Tier und Halter eine Rolle – um nur einige Faktoren zu benennen.

Damit eine Verhaltenstherapie also gar nicht erst notwendig wird, ist eine Schulung der Tierhaltenden hinsichtlich verhaltensgerechter Aufzucht und Haltung, klarer Kommunikation und tierschutzkonformem Umgang mit dem Tier die wichtigste Grundlage. Viele Verhaltenstierärztinnen bieten spezielle Kurse hierfür an oder klären Tierhaltende über Social-Media-Kanäle auf.

Medical-Training
Ein weiteres Beispiel für Verhaltensprophylaxe ist das Medical-Training, also das Üben von Handlungsabläufen und Berührungen, die für medizinische Untersuchungen und Behandlungen oder die Körperpflege wichtig sind. Sind es Hund, Katze und Co. gewohnt, angefasst und festgehalten zu werden, auf eine Waage zu steigen, an empfindlichen Körperstellen untersucht zu werden oder in ungewohnter Umgebung allgemein zu kooperieren und ruhig zu bleiben, erleichtert dies Tierarztbesuche ungemein. Hat das Tier zusätzlich gelernt, Tabletten freiwillig einzunehmen oder die Gabe von Augentropfen zu tolerieren, verringert das im Krankheitsfall viele Probleme. Genauso kann natürlich auch das Zähneputzen, Fell-Kämmen oder Pfoten-Säubern trainiert werden, um die Gesundheit der Tiere bestmöglich zu erhalten

Training von Alltagssituationen
Neben medizinisch wichtigen Handlungen, können auch Alltagssituationen ebenso wie ungewohnte Situationen gezielt trainiert werden, um Verhaltensproblemen vorzubeugen. Tiere, die sanft an verschiedene Untergründe, Geräusche, Umweltreize, Lebewesen und Ähnliches herangeführt werden und mit denen stressige Situationen, wie ein Stadtbummel, eine Zugfahrt oder ein Zoobesuch, gezielt geübt werden, sind deutlich entspannter und stressresistenter im Alltag sowie in ungewohnten Situationen als ihre Artgenossen.
Es lohnt sich also, Verhaltensproblemen schon entgegenzutreten, damit sie erst gar nicht entstehen.

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